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Gleis 2.19 - Erinnerungen von Hannelore "Loki" Schmidt an Hammerbrook

Hannelore Schmidt

Gezwungen, früh erwachsen zu sein

Kindheit und Volksschulzeit bis etwa 1931

"Ein Bericht über meine Jugend und die Zeit von 1933 bis 1945 wäre unvollständig, wenn ich nicht auch die Erlebnisse der Jahre davor beschriebe, so gut ich sie noch im Gedächtnis habe. Immerhin wurde ich 1933 bereits vierzehn Jahre alt.

Geboren wurde ich am 3. März 1919 im Arbeiterviertel Hammerbrook in der Schleusenstaße in Hamburg. Das Haus, in dem ich zur Welt kam, war in der Gründerzeit*) gebaut worden, aber sicherlich nicht für eine Arbeiterfamilie; denn die Wohnung hatte fünfeinhalb Zimmer, in denen damals acht Menschen wohnten: meine Großeltern Agnes und August Martens, drei ihrer vier erwachsenen Töchter (meine Mutter war die Älteste), ihr Schwiegersohn - mein Vater - und eine Pflegetochter, Thora, ein Nachbarskind, deren Mutter gestorben war.

Meine Großeltern hatten alle vier Töchter einen Beruf erlernen lassen, gewiß ungewöhnlich für die Zeit der Jahrhundertwende und für die Kinder einer Köchin und eines Polsterers, der später Krankenbesucher der Ortskrankenkasse wurde. Meine Mutter wurde Schneiderin, ihre drei jüngeren Schwestern Kontoristinnen. Ende Februar 1919 hatte der Umzug aus einer kleinen Wohnung in die Schleusenstraße stattgefunden, wo meine Eltern, Gertrud und Hermann Glaser, zwei ineinander übergehende Räume bekommen hatten. Am 2. März gab es die große Einweihungsfeier - und am nächsten Morgen kam ich zur Welt.

Ich erinnere mich an wenig aus diesen ersten Jahren, außer daß immer viele Menschen im Haus waren. Abgesehen von meinen Großeltern und den Tanten kamen viele Freunde; jede Gelegenheit wurde genutzt, um zu feiern, mit selbstgedichteten Theaterstücken und Liedern und viel Krepp- und Seidenpapierdekoration. Wurden mir die Vorbereitungen zuviel, verkroch ich mich mit meiner schwarzweißkarierten, von meiner Mutter genähten Puppe Laura unter einen Klapptisch, der noch nach dem Krieg im Haus meiner Großeltern in der Heide stand.

(...)

Doch zurück ins Jahr 1922: Meine Eltern haben damals eine eigene Wohnung gefunden. Ich erinnere mich noch an den Umzug: Auf einem Handwagen zogen mein Vater und einige seiner Freunde nach Arbeitsschluß unsere Habseligkeiten quer durch die halbe Stadt, vom Hafen nach Borgfelde. Da es schon dunkel war, hing eine Papierlaterne am Wagen. Meine Mutter schob den Kinderwagen mit dem Baby, mein Bruder saß am Fußende, und ich marschierte nebenher.

Die neue Wohnung war Ende des vorigen Jahrhunderts gebaut worden, ein sogenanntes Terrassenhaus, im Hinterhaus gelegen, dunkel und primitiv und nicht größer als achtundzwanzig Quadratmeter, aber billig: siebenundzwanzig Mark im Monat, etwa ein Wochenlohn meines Vaters. In die beiden Vorderzimmer schien nur selten die Sonne. Die Küche und das vier Quadratmeter große Schlafzimmer meiner Eltern, zur Hälfte mit einem selbstgezimmerten Bettrahmen ausgefüllt, waren noch düsterer, denn die nächste Hauserreihe - die nächste "Terrasse" - war nur vier Meter entfernt. Es gab dort einen Wasserhahn mit Ausguß gleich neben der Haustür in der Küche, doch keinen Flur, auch kein Badezimmer und kein WC. Letzteres befand sich draußen im Treppenhaus, fensterlos. Das Wohnzimmer besaß einen kleinen Ofen und war mit einem ovalen Tisch, einem Sofa und drei Stühlen möbliert, während der vierte Stuhl vor der Nähmaschine am Fenster stand; außerdem gab es dort zwei schmale Bücherschränke, die mein Vater gebaut hatte. In dem zweiten Vorderzimmer waren unsere drei Gitterbetten und der Familienkleiderschrank untergebracht. Der große Kohlenherd in der Küche wurde nur im Winter benutzt; meine Mutter kochte auf einem kleinen Gasherd, der auf dem großen Ofen stand. Mit Gas wurden auch Küche und Wohnzimmer beleuchtet. Leider gingen die Topfpflanzen, die mein Vater häufiger vom Blumenmarkt mitbrachte, bei der Gasbeleuchtung schnell ein; daß allerdings die Gasdämpfe möglicherweise auch für uns schädlich sein könnten, bedachte damals niemand. Ich fand die Wohnung herrlich, weil sie uns allein gehörte.

(...)

1929 war meine jüngste Schwester Rose geboren worden, wodurch unsere Wohnung endgültig zu klein für uns wurde, so zogen wir in einen Neubau für kinderreiche Familien in Hamburg-Horn."

Ausschnitt eines Stadtplans (von etwa 1910) mit dem ´Inneren Hammerbrook´.

Ausschnitt eines Stadtplans (von etwa 1910) mit dem "Inneren Hammerbrook". Die von Hannelore Schmidt erwähnte "Schleusenstraße" habe ich auf dem Plan rot eingekreist. Der Stadtteil Borgfelde befindet sich rechts oberhalb der angeschnittenen "Borgfelder Straße" außerhalb des Plans.


Der Ausschnitt stammt aus dem Buch "Kindheit und Jugend unter Hitler" aus dem Goldmann Taschenbuch-Verlag, erschienen im April 1994 (Seiten 21 bis 25). Neben dem Beitrag von Hannelore "Loki" Schmidt gibt es auch welche von ihrem Mann, dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, sowie von Willi und Willfriede Berkhan, Ruth Loah, Ursula Philipp und Dietrich Strothmann.

Auch wenn Hannelore Schmidt die Terrassenhäuser in Borgfelde beschreibt, könnte diese Beschreibung auch gut auf die ehemals in Hammerbrook vorhandenen Terrassenhäuser passen. Wo sie in Borgfelde gewohnt hat, wird im Buch nicht erwähnt.

*: Die Gründerzeit umfaßt im engeren Sinn die Jahre 1871 bis 1873 und ansonsten die Zeit vom Ende der 1870er Jahre bis zur Jahrhundertwende beziehungsweise bis 1914.


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Erstellt am: 28*08*2026
Online seit dem: 29*09*2026
Zuletzt aktualisiert am:

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